Ray Dalio, der Gründer des Bridgewater-Fonds, war kürzlich eingeladen, bei der Oxford Union im Vereinigten Königreich eine Rede zu halten und an einer Diskussion teilzunehmen. Das Thema konzentrierte sich auf globale Ordnungsänderungen, Schuldenzyklen, den Aufstieg und Fall von Großmächten sowie den Einfluss der Technologie. Als es um die Beziehungen zwischen den USA und China ging, lenkte der Moderator das Gespräch auf einen der größten Sorgenpunkte der Öffentlichkeit: Taiwan. In seiner Antwort machte Dalio keine emotionalen Kommentare, sondern kehrte zu seiner langjährigen Forschung über historische Zyklen und die politische Kultur Chinas zurück, um zu erklären, welche Bedeutung das Taiwan-Thema in den Augen Chinas hat und zu beurteilen, ob Taiwan derzeit ein Auslöser für einen militärischen Konflikt zwischen den USA und China werden könnte.
Hintergrund der Verbindung mit China: China verstehen, bevor man Taiwan versteht
Dalio blickte auf seine ersten Erfahrungen in China Mitte der 1980er Jahre zurück. Aus anfänglicher Neugier entwickelte sich durch den Austausch mit lokalen Führungskräften und Historikern ein allmähliches Verständnis dafür, wie China die Welt sieht. Er betonte, dass man, um zu verstehen, wie China heute Taiwan betrachtet, zuerst die politische Kultur und den historischen Hintergrund Chinas kennen müsse.
Der Staat als große Familie von oben nach unten – die Taiwan-Frage ist tief im chinesischen Bewusstsein verankert
Er zitierte chinesische Führungskräfte und Gelehrte und wies darauf hin, dass der Begriff „Staat“ in der traditionellen Auffassung sowohl „Land“ als auch „Familie“ bedeutet – der Staat wird als große Familie verstanden, in der von oben nach unten Ordnung und Harmonie gewahrt werden.
Im Gegensatz dazu betont der Westen mehr das Individuum und eine von unten nach oben wirkende Kraft, was zu sehr unterschiedlichen Denkweisen hinsichtlich Souveränität, Ordnung und Macht führt. Nach seiner Erläuterung der chinesischen Geschichte und Regierungsführung lenkte Dalio das Thema auf Taiwan. Er hob hervor, dass Taiwan in Chinas gesamter Erzählung bereits sehr lange existiert und kein erst in den letzten Jahren entstandenes politisches Thema ist, sondern tief in der nationalen Geschichte und Wahrnehmung verwurzelt ist.
Klares „Ein-China“-Prinzip – seit dem Zweiten Weltkrieg unverändert
Gefragt, ob es wegen Taiwan zu einem Krieg zwischen den USA und China kommen könnte, sagte Dalio direkt, dass die chinesische Regierung zweifelsfrei davon überzeugt ist, dass „Taiwan ein Teil Chinas ist“. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, so Dalio, habe China immer wieder dieselbe Haltung betont, einschließlich der Zugehörigkeit Taiwans zu China und des Beharrens auf der „Ein-China“-Politik. Diese werden in China als selbstverständlich angesehen und nicht in Frage gestellt.
Kurzfristig geringe Konfliktgefahr – Taiwan ist ein langfristig sich entwickelndes Thema
Dalio erklärte weiter, dass er Taiwan als ein Thema betrachtet, das sich „mit der Zeit entwickelt“, und nicht als einen unmittelbaren Auslöser für einen umfassenden Konflikt.
Er betonte, dass er angesichts der aktuellen Situation nicht glaube, dass Taiwan derzeit zum echten Brennpunkt eines militärischen Konflikts zwischen den USA und China werden wird. Dies spiegelt Dalios Beobachtungen basierend auf historischen Zyklen und der aktuellen Lage wider, nicht aber emotionale Vorhersagen.
Schlachtfeld verlagert sich auf Technologie und Finanzen – Taiwan ist hochsensibel, aber kein unmittelbarer Auslöser
Dalio wies darauf hin, dass die Beziehungen zwischen den USA und China in eine neue Form des Wettbewerbs eingetreten sind, die mehrere Bereiche wie Handel, Technologie und Finanzen umfasst – also nicht-traditionelle Schlachtfelder. Taiwan befindet sich dabei innerhalb dieses größeren Rahmens der geopolitischen Konkurrenz.
Er ist der Ansicht, dass beide Großmächte auf eine höhere Eigenständigkeit hinarbeiten, um Abhängigkeiten zu verringern und sich nicht erpressbar zu machen. In diesem Umfeld bleibt Taiwan zwar ein sehr aufmerksam beobachteter Schauplatz, wird von ihm aber nicht als kurzfristiger Auslöser eines Konflikts betrachtet, sondern als ein langfristiges Thema im Schnittpunkt von Geschichtserzählung und moderner Konkurrenz.
Dieser Artikel „Bridgewater Ray Dalio: Taiwan ist ein langfristiges strukturelles Thema, kurzfristig kein Auslöser für einen US-chinesischen Konflikt“ erschien zuerst auf ChainNews ABMedia.