Im Jahr 2025, kurz vor seinem Ende, veröffentlichte Ethereum-Mitbegründer Vitalik Buterin einen tiefgehenden Artikel über die Governance-Struktur im Krypto-Ökosystem mit dem Titel „The Balance of Power in Crypto Governance“. Darin hebt er mehrere potenzielle Risiken der aktuellen Krypto-Governance hervor und schlägt vor, das Machtgleichgewicht zwischen Entwicklern, Community, L1-Protokolldesignern und Token-Inhabern neu zu überdenken.
Entwickler vs. Community: Wer hat das Sagen?
Vitalik konzentriert sich zunächst auf die dominante Rolle der Entwickler in Krypto-Projekten. Er weist darauf hin, dass viele Communities oberflächlich betrachtet dezentralisiert erscheinen, in Wirklichkeit jedoch von einer kleinen Gruppe Kernentwickler die Entscheidungen dominiert wird. Er erwähnt, dass dieses Modell zwar effizient ist, aber auch leicht zu Machtmissbrauch, mangelnder Transparenz und sogar einer Abkehr vom ursprünglichen Geist führen kann. „Wir sagen oft, die Community soll das Sagen haben, aber in der Realität lenkt meist das Entwicklerteam die Richtung“, schreibt Buterin.
L1 und L2: Technologische Innovation oder Machtkonzentration?
Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Unterschied in der Governance zwischen L1 (Layer 1 Blockchain) und L2 (Layer 2 Skalierungslösungen). Vitalik stellt fest, dass die schnelle Entwicklung von L2-Systemen Flexibilität und Effizienz für das Ökosystem bringt, gleichzeitig aber neue Machtzentren formiert. Infrastrukturprojekte wie Rollups und Brückenprotokolle werden oft von einzelnen Teams kontrolliert, die die Roadmaps und Governance-Mechanismen steuern, was im Widerspruch zu den ursprünglichen dezentralen Idealen der Blockchain steht.
Er warnt, dass ohne Mechanismen zur gegenseitigen Kontrolle L2 zu einer neuen „Black Box“ der Governance werden könnte.
Unzureichende Beteiligung an der Governance: Das Risiko der Dominanz Weniger
Vitalik hinterfragt auch die aktuellen Governance-Mechanismen in Krypto-Communities. Er stellt fest, dass zwar viele Systeme offene Vorschläge und Abstimmungen haben, aber tatsächlich nur eine kleine Gruppe „aktive Governance-Akteure“ teilnehmen, während die meisten Nutzer und Community-Mitglieder nur zuschauen.
Dies führt dazu, dass die Entscheidungen von wenigen dominiert werden, was breite Zustimmung und Beteiligung erschwert und möglicherweise die Richtung der Entscheidungen vom Allgemeinwohl abweichen lässt.
Er schlägt vor, inklusivere und zugänglichere Governance-Prozesse zu entwickeln und die Anreize sowie Sichtbarkeit für die Teilnahme der Nutzer zu verbessern.
Was tun? Vitalik schlägt drei „Neuausgleich“-Ansätze vor
Um die genannten Probleme anzugehen, präsentiert Vitalik drei mögliche Richtungen für eine Governance-Neuausrichtung:
Direktere „Veto-Rechte“ für die Community: Mechanismen schaffen, mit denen Nutzer effektiv verhindern können, dass Entwickler oder Foundations „durchdrehen“, ähnlich einer grundlegenden Kontrollinstanz der Community.
Mehr Transparenz und Offenheit bei technischen Entscheidungen: Eine Kultur der offenen Diskussionen auf Plattformen wie Github, Foren oder sozialen Medien fördern, anstatt Entscheidungen hinter verschlossenen Türen oder in privaten Meetings zu treffen.
Vielfalt in Governance-Strukturen fördern: Nicht nur auf einzelne Modelle wie DAO-Abstimmungen setzen. Er schlägt vor, hybride Modelle zu testen, die Token-Gewichtungen, Community-Delegationen, Zufallsauswahl (Sortition) und andere Mechanismen kombinieren, um die Qualität und Fairness der Governance zu verbessern.
Von „Code is Law“ zu „Community is Law“?
Der Artikel ist nicht nur eine technische Diskussion, sondern auch eine philosophische Reflexion über Governance. Vitalik ist der Ansicht, dass Blockchain zwar mit dem Prinzip „Code ist Gesetz“(Code is Law) begann, doch mit zunehmender Komplexität der Anwendungen kann allein durch Code und Kryptographie nicht mehr alle gesellschaftlichen Erwartungen erfüllt werden. Er betont, dass letztlich die Beteiligung und das Gleichgewicht zwischen Menschen und Gemeinschaften entscheidend bleiben.
Er sagt:
„Blockchain ist letztlich ein soziales System, dessen Regeln durch gemeinschaftliche Zusammenarbeit aufrechterhalten werden.“
„Das Konzept ‚Code is Law‘ ist nützlich, aber nicht absolut. Die gesellschaftliche Zustimmung ist die endgültige Grundlage.“
Vitalik Buterin erinnert die Krypto-Community erneut: „Macht“ an sich ist nicht gefährlich, sondern das Fehlen von Checks and Balances und Transparenz. In einer Zeit, in der Blockchain ständig wächst und die Protokolle vielfältiger werden, sind Governance-Fragen nicht mehr nur ein Thema für Technik-Enthusiasten, sondern entscheidend für die nachhaltige Entwicklung des gesamten Ökosystems.
Dieser Artikel von Vitalik Buterin diskutiert das Machtungleichgewicht in der Krypto-Governance: Es ist Zeit, das Gleichgewicht neu zu setzen? Code is Law ist kein Absolutheitsanspruch. Erstmals veröffentlicht bei Chain News ABMedia.