
Morgan Stanley hat seine Erwartungen für eine Zinssenkung durch die Federal Reserve angepasst und den Zeitpunkt der ersten Senkung von zuvor prognostiziertem Juni auf September verschoben. Die zweite Zinssenkung soll nun im Dezember erfolgen, statt im September. Dieser Schritt wurde durch den Anstieg der Ölpreise infolge des Konflikts im Nahen Osten getrieben, der die Inflationserwartungen erhöht und den Spielraum der Fed für eine Lockerungspolitik weiter einschränkt.
Nach der FOMC-Sitzung in dieser Woche stellte Fed-Chefin Powell klar, dass vor einer Lockerung der Geldpolitik eine Bestätigung für eine weitere Verbesserung der Inflation erforderlich ist. Morgan Stanley weist in seinem Analysebericht darauf hin, dass die Signale dieser Sitzung zeigen, dass die Fed weiterhin geduldig bleibt und an einer datengesteuerten Entscheidungsfindung festhält, um eine vorzeitige Reaktion auf noch nicht ausreichend eingedämmten Inflationsdruck zu vermeiden.
Morgan Stanley beschreibt die aktuelle Haltung der Fed als eine insgesamt „ausgewogene“ Situation – die Entscheidungsträger müssen sowohl die nach wie vor hohe Inflation als auch mögliche Anzeichen einer wirtschaftlichen Abschwächung abwägen. Gleichzeitig warnt die Bank, dass der Weg zu einer Lockerungspolitik zunehmend unsicher wird, insbesondere angesichts anhaltender externer Schocks wie steigender Ölpreise.
Analysten von Fundstrat bestätigen diese Einschätzung. Sie weisen darauf hin, dass Powell in den letzten zwei Jahren mehrfach argumentiert hat, dass die US-Wirtschaft widerstandsfähiger gegenüber externen Schocks ist als erwartet. Die Marktreaktion jedoch scheint „deutlich auf eine Straffung der Geldpolitik hinzuweisen“. Fundstrat betont, dass der nächste entscheidende Faktor darin besteht, ob die veröffentlichten Inflationsdaten vor der vollständigen Übertragung höherer Energiekosten auf die Preise eine sichtbare Entspannung zeigen – bis dahin bleibt Powell vorsichtig und will nur auf Basis konkreter Daten handeln, nicht nur auf Prognosen.
Der Anstieg der Ölpreise infolge des Nahost-Konflikts ist der direkte Auslöser für die schnelle Rücknahme der Zinssenkungserwartungen. Höhere Energiekosten üben auf zwei Ebenen Druck auf die Fed aus:
Direkte Erhöhung der Inflationserwartungen: Steigende Energiepreise treiben die Kern-PCE- und CPI-Inflationsraten direkt nach oben, was das Vertrauen der Fed in eine nachhaltige Rückkehr der Inflation unter Kontrolle schwächt.
Verzögerung des Inflationsnormalisierungsprozesses: Die durch Ölpreise getriebene Inflationserhöhung erschwert es der Fed, die „datenabhängige“ Haltung aufrechtzuerhalten, da die erforderlichen „Verbesserungssignale“ schwerer zu erkennen sind, was die Wartezeit auf eine Zinssenkung verlängert.
Vor diesem Hintergrund warnt Morgan Stanley: „Sofern die Wirtschaftsaktivität nicht deutlicher nachlässt, könnten weitere Verzögerungen bei Zinssenkungen eintreten oder sie könnten sogar ganz ausfallen.“ Das bedeutet, dass die Fed möglicherweise länger den Fokus auf die Inflationskontrolle legt, anstatt die Wirtschaft zu stützen – eine Entwicklung, die die aktuellen Markterwartungen übertrifft.
Der erfahrene Marktbeobachter Ed Yardeni beschreibt die Reaktion der Märkte auf die Fed-Sitzung diese Woche als eine Art „Taper Tantrum“ – eine „Abschwächung der Panik“. In seinem Bericht schreibt er: „Die Kombination aus Krieg und Fed-Nachrichten hat eine Taper Tantrum in den Aktienmärkten ausgelöst, weil Investoren zu dem Schluss kamen, dass die geldpolitischen Möglichkeiten im Umgang mit den wirtschaftlichen Folgen des Krieges begrenzt sind.“
Vor dem Krieg erwartete der Markt, dass die Fed im Juni und September jeweils eine Zinssenkung vornehmen würde, mit einer möglichen weiteren Senkung bis Ende des Jahres, abhängig von Arbeitsmarkt- und Inflationsentwicklung. Diese Erwartungen wurden inzwischen weitgehend aufgegeben, und jede Neubewertung des Zinspfads könnte weiterhin Druck auf Aktien und andere zinssensitive Sektoren ausüben.
Nicht unbedingt. Morgan Stanleys Prognose basiert auf einem Szenario mit einer Zinssenkung im September und einer weiteren im Dezember, doch die Bank warnt, dass bei anhaltender Energieinflation dieser Zeitplan weiter verschoben werden könnte oder sogar ganz ausfallen kann. Zukünftige Inflationsdaten (insbesondere monatliche Veränderungen bei Kern-PCE und CPI) sowie die Entwicklung des Arbeitsmarktes werden entscheidend sein für den endgültigen Zeitpunkt der Zinssenkungen.
Ein anhaltend hohes Zinsniveau belastet in der Regel risikoreiche Anlagen wie Kryptowährungen – höhere US-Zinsen erhöhen die Opportunitätskosten für das Halten von risikobehafteten Vermögenswerten und ziehen Kapital in zinssensitive traditionelle Anlagen ab. Allerdings deuten einige Analysten an, dass, wenn die Verzögerung bei Zinssenkungen durch geopolitisch bedingte Inflation angetrieben wird und nicht durch eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Fundamentaldaten, Bitcoin als Inflationsschutz möglicherweise neu bewertet werden könnte.
Yardenis Beschreibung des „Taper Tantrum“ bezieht sich vor allem auf die unmittelbare Marktstimmung, nicht auf eine konkrete Prognose für zukünftige Volatilität. Historisch gesehen neigen solche Panikphasen dazu, sich zu legen, wenn sich die Märkte an die neuen geldpolitischen Erwartungen angepasst haben, was jedoch Zeit und mehr Daten erfordert. Fundstrat weist darauf hin, dass, falls zukünftige Inflationsdaten eine begrenzte Energieübertragung zeigen, sich die Marktstimmung schnell drehen und eine Erholung bei risikoreichen Anlagen möglich ist.